Jahrhundert der Migration. Gedichte, Erzählungen & Berichte.

Hg. Oberbürgermeisterin der Stadt Bonn. Redaktionelle Bearbeitung: Norbert Gramer. Bonn, 2000.
Einleitung (Auszug)
Titel und Untertitel dieses Buches weisen zwei auf den ersten Blick unabhängige Themenfelder auf: Migration und Literatur – wenn auch Literatur von zum Teil nichtdeutschen Autorinnen und Autoren, also von Migranten.

Wanderungsbewegungen bestimmen seit Jahrhunderten, ja Jahrtausenden die Menschheitsge-schichte. Man denke nur an den Zug der israelitischen Stämme von Ägypten nach Palästina, an die frühmittelalterlichen Völkerwanderungen, an die massenhaften Auswanderungen aus europäischen Ländern in die Vereinigten Staaten von Amerika und Kanada; die Ausbreitung des homo sapiens über den Globus selbst ist als Wanderungsbewegung interpretierbar. Migration ist ein fester Bestandteil menschlicher Verhaltensweisen. Dabei variieren die Motive, die zur Migration führen, erheblich: Eroberungskriege und Vertreibungen, Ethnisierungsbestrebungen und Separationsbemühungen, Verfolgung und Hungersnöte stehen wohl ganz oben auf der Skala der Beweggründe; der Wunsch nach persönlicher Veränderung und die Hoffnung der Glückserfüllung in einem fremden Land sind sicherlich historisch jüngere Entwicklungen und Erscheinungsformen der Migration. Schlagworte wie Mobilität und Globalisierung kündigen eine neue Form der Migration an.
Auch Literaturproduktion begleitet die Menschheitsgeschichte seit den frühesten Bemühungen unserer Vorfahren, das Weltgeschehen zu begreifen. Wird dabei Literatur nicht nur nach den enggefassten, oftmals national orientierten literaturtheoretischen Kategorien betrachtet, sondern als Versuch, äußere und innere Begebenheiten im eigenen Erfahrungshorizont verständlich zu machen, so lässt sich der Literaturbegriff erweitern und auf Produkte übertragen, die die persönliche, schriftliche Auseinandersetzung mit der Erfahrungswelt widerspiegeln – unabhängig davon, in welcher Sprache und welchem Land dies geschieht. Die Diskussion der 1970er- und 1980er-Jahre um die sogenannte „Gastarbeiterliteratur“ oder „Migrationsliteratur“ war nach diesem Verständnis schon im Ansatz verfehlt. Sie übersah nicht nur, dass Literatur unabhängig von bestehenden Kriterien eigenen künstlerischen Entwicklungsprozessen unterworfen ist (die Literatur Ernst Jandls, Konkrete Poesie und Dadaismus seien als Beispiele genannt), sondern auch, dass eine wie auch immer vorgestellte „deutsche Literatur“ in reiner Form nie existiert hat. Man unterschlug Namen wie Adelbert von Chamisso oder Elias Canetti – ganz abgesehen von Autoren wie Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt oder Jurek Becker –, die einen festen Platz in der deutschen Literatur haben, und entledigte sich einer Beschäftigung mit der neu entstehenden Literatur mit dem Hinweis, sie beschreibe nur persönliche Erfahrungen und Schicksale und seien thematisch an das Migrationsgeschehen gebunden, sie sei folglich streng genommen keine Literatur. Unerwähnt blieb, dass viele literarische Werke ohne die Erfahrung von Flucht und Exil nicht entstanden wären; große Namen: Heinrich Heine, Thomas Mann, Hans Sahl, Charles Sealsfield sind hier stellvertretend für viele andere zu nennen. Verdienstvoll in diesem Zusammenhang waren sicherlich die Bemühungen von Irmgard Ackermann und Heinz Friedrich, deren Anthologien Anfang der 80er-Jahre ein Forum für die Literatur nichtdeutscher Autorinnen und Autoren bildeten – kritisch wäre nur anzumerken, dass diese gleichsam eine literarische Ghettoisierung erfuhren. Heute hat sich die Situation teilweise geändert: Namen wie Rafik Schami, Carmine Chiellino, Güney Dal oder Renan Demirkan sind aus der deutschsprachigen Literatur nicht mehr wegzudenken.
In dem Band Jahrhundert der Migration treffen jene beiden Themen aufeinander. Die Gedichte, Erzählungen und Berichte sind persönliche Auseinandersetzungen mit dem Migranten-Sein, mit dem – um eine alte, vielleicht abgenutzte Wendung zu bemühen – „Leben zwischen den Kulturen“. Aber sie sind literarische, größtenteils in der deutschen Sprache erfolgte Auseinandersetzungen, die Distanz und Nähe gleichermaßen spürbar werden lassen. Das Andere – als Möglichkeit eines veränderten, verständnisvolleren, toleranteren Zusammenlebens umschreibbar – das zwischen den Zeilen hervortritt, ist das Thema aller engagierten Literatur, unabhängig von der thematischen Anbindung – hier an die Migration.
Die Fachaufsätze, die sowohl historische als auch jüngste Entwicklungen der Migration beleuchten, verdeutlichen auf der einen Seite die Normalität von Wanderungsbewegungen in der Geschichte der Menschheit, auf der anderen Seite aber auch deren zum Teil abnorme Motivationshintergründe. Es wird offensichtlich, dass Migration – abgesehen von der aus freien Willensentscheidungen durchgeführten – unauflöslich mit Begriffen wie Vertreibung, Krieg, Folter, Unterdrückung, mit Leiden verbunden ist. Dieses Leiden, als zentraler Verknüpfungspunkt der beiden Begriffe Migration und Literatur betrachtet, wird in den vorliegenden Texten fühlbar – sie reflektieren aber in vielen Fällen nicht nur auf das erfahrene Leiden durch das Migrationsgeschehen und deren Gründe sowie auf das persönlich Erlittene während der Wanderung, sondern auch auf das Leid, das das aufnehmende Gastland verursacht.
Aber nicht nur das Leiden, auch die Hoffnung, das Andere sei möglich, spiegelt sich in den Textbeiträgen […]

(Norbert Gramer)

Merken