Mitleid in der Ethik. Zu Geschichte und Problem eines vernachlässigten Prinzips.

Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn. Bonn, 2000.

EINLEITUNG (Auszüge; auf den Anmerkungsapparat wurde verzichtet)
Im November 1756, in einer Epoche, die gleichzeitig von den Bestrebungen der Philosophie, die Vernunft als höchste menschliche Instanz zu krönen, und einem weltumspannenden Krieg, nämlich dem Siebenjährigen Krieg, gekennzeichnet war, schrieb Gotthold Ephraim Lessing an Friedrich Nicolai den berühmten und vielzitierten Satz: „Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch, zu allen gesellschaftlichen Tugenden, zu allen Arten der Großmut der aufgelegteste“. Ein halbes Jahrhundert vor Schopenhauers Entfaltung des Mitleids als Fundament der Moral, in einer Zeit, in der die deutsche Philosophie sich rationalistischer Logik und Erkenntnistheorie verschrieben hatte, spricht der Aufklärer Lessing dem Mitleid höchste moralische Priorität zu und setzt den sich im Laufe des 18. Jahrhunderts verstärkenden Gegensatz zwischen vernunftbegründeter und affektbestimmter Ethik außer Kraft.
Seit den für uns erkennbaren Anfängen der praktischen Philosophie und bis in unsere Tage bestimmt die als unüberbrückbar angesehene Kluft zwischen Vernunft und Affekt, wobei letzterer – wenn positiv bestimmt – insbesondere durch das Mitleid (in schwächerer Abwandlung durch Mitgefühl) repräsentiert ist, also die zwischen Vernunft und Mitleid, die ethische Diskussion. So untertitelte Richard Taylor noch sein 1984 veröffentlichtes Werk Good and Evil, das in großen Teilen, wie Taylor anmerkt, stark von Schopenhauers Ethik beeinflußt ist, mit dem Hinweis: A Forceful Attack on the Rationalistic Tradition in Ethics. Dieser kämpferische Untertitel zeigt, daß innerhalb der philosophischen Diskussion die Zeichen zwischen Vernunft und Mitleid im Grunde immer noch auf Konfrontation stehen […]
Demgegenüber steht im Hintergrund dieser historisch-systematischen Untersuchung die Überzeugung, daß eine systemlogische Verknüpfung von Vernunft und Mitleid die Möglichkeit beinhaltet, Partikularitätsbestrebungen, die selbst die praktische Philosophie ergriffen und zu einer Zersplitterung dieser in verschiedene Ethiken geführt hat, aufzulösen. Mit ihrer Vielzahl von Veröffentlichungen zu den unterschiedlichsten Wissenschafts- und Alltagsbereichen neigt die ethische Diskussion dazu, den elementaren Anspruch der Ethik, Begründungszusammenhänge moralischer und antimoralischer Handlungsformen zu erklären, aufzugeben und die ethische Reflexion zur Empfehlung von „moralischen“ Handlungsweisen zu degradieren, die wechselnden Privatinteressen nützlich erscheinen.
Eine Tendenz mit ähnlichen Konsequenzen wie in der Psychologie und Soziologie, die in verschiedenste Richtungen sich auflösten und zu reinen Doxosophien zu verkümmern drohen, die nur noch gruppenspezifischen Partikularinteressen genügen sollen und dadurch kaum noch zu ernstzunehmenden Aussagen über allgemeinmenschliches Verhalten in der Lage sind. Vollends abwegig ist das Bemühen, die Ethik den gesellschaftspolitischen „Blöcken“ anzupassen und von einer „US-amerikanischen“ oder „europäischen“ Ethik zu sprechen. Differenzen zu ethischen Einzelproblemen, die sich in der zwischenstaatlichen Diskussion ergeben und die durch den Einfluß verschiedener Wertesysteme bestimmt sind, müssen an universalen Grundsätzen gemessen werden – ansonsten reduziert sich der ethische Standpunkt auf bloße moralische Meinung.
Dagegen böte jene Verknüpfung den notwendigen regulativen Beurteilungsrahmen für individuelle Handlungsweisen und gesellschaftliche Verkehrsformen; einen Beurteilungsrahmen, der sich der Einvernahme durch Eigeninteressen und Egoismen entschlüge.
Thematische Mitte der […] Erörterung bildet die Untersuchung des Mitleids als ethisches Prinzip, wobei die Ethik Schopenhauers den zentralen Angelpunkt bildet. Unverbrüchlich ist die Moralphilosophie des Mitleids mit dem Namen Arthur Schopenhauers verbunden. Besonders jüngere Werke, die sich mit der Philosophie Schopenhauers beschäftigen, setzen deren ethische Reflexion mit dem allerdings mißverständlichen Begriff Mitleidsethik oder Mitleidsmoral gleich […]
Vor dem Hintergrund des unbestreitbar zentralen Topos Mitleid bei Schopenhauer werden dessen Beziehungen zur Moralphilosophie der Aufklärung, hier insbesondere die der schottischen, und die Stellung des Mitleids in der Philosophiegeschichte von den Anfängen der Philosophie bis in die jüngste Zeit anhand ausgewählter Werke skizziert und erörtert. Denn so einzigartig Schopenhauers Ethik und insbesondere die Auffindung des Fundaments der Moral auch erscheinen mag, so unabweisbar ist die Tatsache, daß auch seine Philosophie nicht voraussetzungslos entstand, sondern eingebunden ist in den philosophiegeschichtlichen Kontext. Schon seine weitläufige kritische Auseinandersetzung mit Kant und anderen zeitgenössischen Philosophen zeigt die Grundlage seiner Philosophie an; aber auch der gesamte philosophische Nexus seines Werkes weist auf die Verbundenheit mit den Ausführungen seiner Vorgänger hin, an deren Spitze ohne Zweifel Rousseau und auch die schottischen „moral-sense-Philosophen“ zu nennen sind. Anhand eines Abrisses der Geschichte des Mitleids, der […] zunächst einen Zeitraum von der vorsokratischen griechischen Philosophie bis Schopenhauer umfaßt und die Hauptströmungen der philosophischen Diskussion um den Themenkomplex Vernunft und Mitleid innerhalb der Philosophiegeschichte darstellt, soll dieser Zusammenhang erläutert werden […]
Interessant in diesem Zusammenhang ist, daß insbesondere im angelsächsischen Sprachraum, gleichsam als Gegenpol zu den populären Sprechakttheorien und zur analytischen Philosophie mit ihrer metaphysikfreien Hinwendung zum Rationalismus, die ethische Diskussion um das Mitleid, compassion, intensiv anhält. Ersichtlich sind hierbei auch die bis heute wirksamen feinen Verbindungslinien zwischen der moral-sense-Philosophie und den Ethiken, in deren Zentrum das Mitleid steht.
In Frankreich ist der Begriff des Mitleids insbesondere mit der Soziologie Emile Durkheims und der Philosophie Emmanuel Lévinas verbunden, auf die in dieser Untersuchung ebenfalls eingegangen wird.
Im deutschsprachigen Raum stagniert hingegen seit der Jahrhundertwende die ethische Diskussion über das moralische Prinzip des Mitleids. Zwar nimmt das Mitgefühl in Max Schelers Ethik eine herausragende Stellung ein, auch weisen die vernunftkritischen Erörterungen Max Horkheimers und Theodor W. Adornos die Einbeziehung des Mitleids auf, wobei ersterer stark von Schopenhauer beeinflußt ist, auch in dem christlich-religiös motivierten Ansatz Johann Baptist Metz‘ und in Walter Schulz‘ und Werner Marx‘ nichtmetaphysischen Ethikentwürfen steht das Mitleid im Vordergrund der Überlegungen, aber eine eingehende Auseinandersetzung mit dem Mitleid als ethischem Prinzip findet kaum statt. Wird das Mitleid Gegenstand der ethischen Diskussion, dann traditionsbewußt mehr als Gegenpol zu ethischen Konzeptionen, die eher einer vernunftorientierten Moralbegründung verpflichtet sind, wie der Ansatz Ernst Tugendhats oder universalpragmatisch geprägte Theorien der kommunikativen Kompetenz Habermasscher oder Apelscher Provenienz. Eine andere Form der Berücksichtigung des Mitleids als ethisch relevantem Prinzip in der ethischen Diskussion ist die Zusammenstellung historischer oder neuzeitlicher Texte, die die Vorzüge oder Nachteile des Mitleids mehr oder weniger unkommentiert dem Leser darbieten. Diese Auswahl verschiedener, ihrem Zusammenhang entfremdeter Texte bieten aber kaum einen ernstzunehmenden Beitrag zur aktuellen Ethikdiskussion, lassen sie doch die Widersprüche innerhalb des Begriffes Mitleid ungeklärt und die Problematik der traditionell als grundsätzlich postulierten Differenz zwischen Vernunft und Mitleid bestehen oder tragen noch zu deren Verfestigung bei – sie haben einen eher informativen, teilweise auch unterhaltenden Wert.
Vor dem Hintergrund der Erkenntnisse neuerer philosophischer und psychologischer, auch neurophysiologischer Studien über den Zusammenhang, das Zusammenspiel, von Emotionen und Vernunft, Gefühlen und Intelligenz erscheint aber eine Neubewertung des Mitleids als zentraler ethischer Instanz innerhalb des Affekthaushaltes des Menschen geboten. Neben den richtungweisenden Arbeiten von Daniel Goleman und Ronald De Sousa sind hier insbesondere die Untersuchungen Martha C. Nussbaums zu nennen, die ausgehend von der emotions- und moralbildenden Funktion literarischer Werke die untrennbare Beziehung zwischen der Ebene des Wissens und Erkennens und der Sphäre der Gefühle aufzeigen.

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